Prost nach Briatore-Bann wohl neuer Renault-Teamchef

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Der ehemalige Renaul Teamchef Flavio Briatore (r) und der ehemalige französische Formel-1-Pilot Alain Prost, aufgenommen während des Trainings für den Monaco Grand Prix in Monte Carlo (Archivfoto vom 27.05.2006).

Stuttgart - Der viermalige Formel 1-Weltmeister Alain Prost wird wohl Nachfolger des als Teamchef von Renault zurückgetretenen und lebenslang gesperrten Flavio Briatore werden.

Prost soll nach dem fragwürdigen Quasi-Freispruch für Renault in der "Crashgate"-Affäre ironischerweise womöglich schon beim Nachtrennen in Singapur als Nachfolger des auf Lebenszeit gesperrten Flavio Briatore einen Neustart einleiten. Offiziell wollte das französische Formel-1-Team dies aber einen Tag nach dem Urteil des Internationalen Automobil-Verbandes FIA im "Singapur-Skandal" nicht bestätigen. "Ich kann nur auf unsere Presseerklärung vom Montag verweisen, nach der wir in den nächsten Tagen weitere Informationen geben werden", sagte eine Teamsprecherin der Deutschen Presse-Agentur dpa am Dienstag. Prost wurde bereits kurz nach dem Bekanntwerden der Betrugsvorwürfe vor einigen Wochen als potenzieller neuer Teamchef der "equipe jaune" gehandelt. Am Wochenende könnte der 54 Jahre alte Franzose beim 14. Saisonlauf erstmals auf dem Renault-Kommandostand stehen.

Derweil ist der Tenor in der internationalen Presse zum politisch bedingten wachsweichen Urteil für Renault und der drakonischen Verbannung des Hauptübeltäters Briatore erstaunlich einmütig. Die überwiegende Mehrzahl der Medien bewertete die Entscheidung des Motorsport-Weltrats der FIA äußerst kritisch. Die Sportrichter hatten den Konzern wegen des verschobenen Singapur-Grand Prix', den Fernando Alonso dank des absichtlichen Mauercrashs von Nelson Piquet Jr. gewann, mit zwei Jahren Bewährung milde davon kommen zu lassen. Den italienischen Drahtzieher Briatore zog die FIA dagegen komplett aus dem Verkehr.

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"Die Strafe für Briatore ist ein Racheakt nach allen Regeln der Kunst. Max Mosley erledigt seinen Erzfeind", urteilte "Marca". Das zweite große spanische Sportblatt "As" titelte: "Max Mosley verpasst Briatore den Todesstoß. Der FIA-Präsident ist in dem Sporttribunal Staatsanwalt, Verteidiger und Richter in einem." Vergleichbar fielen auch die Kommentare in Italien aus: "Renault hat Briatore auf den Scheiterhaufen geschickt, um selbst mit einem milderen Urteil davon zu kommen", schrieb "La Gazzetta dello Sport". "Tuttosport" titelte martialisch: "Briatore wurde ausgelöscht."

In die selbe Kerbe schlugen die französischen Blätter. "Natürlich bleibt der Schatten eines "Deals" zwischen dem Autohersteller und der Sportbehörde", meinte "Le Figaro". Und "Le Parisien" war sich sicher: "Weil Renault der Höchststrafe entkommt, musste zumindest symbolisch ein Kopf rollen." Der englische "The Independent" stößt ins gleiche Horn: "Eddie Irvine (ehemaliger Formel-1-Fahrer) hatte Recht, als er sagte, Renault würde eher einen leichten Klaps auf die Hände bekommen statt der fälligen Axt ins Genick." Und "The Guardian" kritisierte: "Durch das Versäumnis einer härteren Strafe erweckt die FIA den Eindruck, dass Sicherheit weniger wichtig ist als die Wahrheit."

Schon im Vorfeld des mit Spannung erwarteten Prozesses war indes klar, dass Renault beim "Singapur-Skandal" anders als McLaren beim "Spionage-Skandal" 2007 mit Milde rechnen kann. Die FIA mit ihrem Präsidenten Max Mosley als Frontmann wollte den Franzosen keinerlei Vorwand liefern, die Formel 1 aufgrund eines harten Urteils zu verlassen. Da die Königsklasse mit Honda und nun zum Saisonende BMW bereits zwei der sechs Hersteller sicher verloren hat und Toyota neben Renault als Wackelkandidat gilt, fürchten die Verantwortlichen um die Qualität ihrer Top-Serie.

Die von Mosley forcierte Politik, das Feld mittels zweit- und drittklassiger Rennställe aufzufüllen, droht zum Rohrkrepierer zu werden. Einige der für 2010 zugelassenen Kandidaten leiden offensichtlich unter kaum lösbaren finanziellen und logistischen Problemen. "Die Renault-Verantwortlichen haben den Eindruck hinterlassen, dass sie weiter in der Formel 1 fahren wollen", deutete Mosley nach der Anhörung in Paris an, dass der Verbleib der "equipe" ein entscheidendes Kriterium bei der Entscheidung des FIA-Gremiums, das nicht mit einem herkömmlichen Gericht zu vergleichen ist, war.

Prost hatte in den vergangenen Tagen angedeutet, dass er sich die Rolle als Teamchef durchaus vorstellen könne. Der Ex-Champion war 1997 - vier Jahre nach Ende seiner Fahrerkarriere - mit einem eigenen Rennstall in der Formel 1 angetreten. Finanzielle Probleme und mangelnder Erfolg zwangen den 51-maligen Grand-Prix-Sieger 2001 zum Verkauf von "Prost Grand Prix", für das auch der Mönchengladbacher Nick Heidfeld eine Saison lang gefahren war.

Prost, der wegen seiner Cleverness sowie seines politischen und taktischen Gespürs als Fahrer den Spitznamen "Professor" trug, könnte Renault wieder in ruhigeres Fahrwasser steuern. Noch ist unsicher, ob der von Briatore und dem nun für fünf Jahre gesperrten Technischen Direktor Pat Symonds eingefädelte absichtliche Unfall am 28. September 2008 längerfristige wirtschaftliche Konsequenzen und einen Image-Schaden für den Automobilkonzern zur Folge hat.

Von Elmar Dreher, dpa

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