„Die Not macht erfinderisch“

Wie Sabrina Zeug und Christina Stumböck im Corona-Modus trainieren

Ein Glück, wer auf dem Land wohnt. Dort bieten sich Leichtathletin Christina Stumböck (l.) trotz Ausgangsbeschränkung Trainingsmöglichkeiten für alle Wurfdisziplinen. Ihren deutschen Meistertitel des Turnerbundes im Steinstoßen, den sie im Foto rechts mit Trainer Hans Zenzinger feierte, wollte Sabrina Zeug heuer verteidigen. Welche Wettkämpfe überhaupt stattfinden, ist aber noch völlig offen.
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Ein Glück, wer auf dem Land wohnt. Dort bieten sich Leichtathletin Christina Stumböck (l.) trotz Ausgangsbeschränkung Trainingsmöglichkeiten für alle Wurfdisziplinen. Ihren deutschen Meistertitel des Turnerbundes im Steinstoßen, den sie im Foto rechts mit Trainer Hans Zenzinger feierte, wollte Sabrina Zeug heuer verteidigen. Welche Wettkämpfe überhaupt stattfinden, ist aber noch völlig offen.

Hausham – Wann wieder Wettkämpfe stattfinden können, ist derzeit ungewiss. Dennoch müssen sich die Leichtathletinnen Sabrina Zeug und Christina Stumböck auch im Corona-Modus fit halten.

Ihren bayerischen Meistertitel im Steinstoßen hat Sabrina Zeug (SG Hausham/LG Oberland) Anfang März in Augsburg noch verteidigt. Beim Rasenkraftsportverband trägt sie zudem den nationalen Titel. Auch den wollte sich die 28-Jährige erneut sichern. Doch dazu kam es wegen der Corona-Pandemie nicht mehr. Diese hat die Haushamerin und ihre Trainingspartnerin Christina Stumböck vorübergehend komplett ausgebremst. Wie sich die beiden nun fit halten und mit welchen Erwartungen sie in die kommenden Wochen und Monate blicken, haben sie im Interview erklärt.

Wann war Euer letzter Wettkampf?

Stumböck: Bei mir war es am 1. Februar die bayerische Leichtathletik-Hallenmeisterschaft in München. Danach haben wir unser Training voll auf die deutsche Hallenmeisterschaft im Steinstoßen fokussiert. Diese konnte leider schon nicht mehr stattfinden. Sie wäre am 22. März gewesen.

Zeug: Ich war in einer sehr guten Form. Leider wurden die deutschen Meisterschaften in Erfurt wegen Corona abgesagt. So wurde es nichts mit einer neuen Bestleistung.

Was habt Ihr seither gemacht?

Zeug: Am Mittwoch, 11. März, haben wir das letzte Krafttraining in der Landkreisturnhalle absolviert und am Donnerstag hatten wir das letzte Athletik- und Techniktraining in der Schulturnhalle. Dann der Schock aufgrund der Corona-Ausbreitung, Sperrung aller Sportanlagen und Trainingsmöglichkeiten. Zuvor hatte ich von Ende Oktober mit Christina und nach Trainingsplänen von Hans Zenzinger fünf bis sechs Tage in der Woche nach Arbeitsende ab 19.30 Uhr trainiert.

Stumböck: Ab dem 16. März, dem Tag, an dem die Regierung alle Sportstätten in Bayern gesperrt hat, wussten wir, es wird sich einiges verändern und es wird auch definitiv nicht leicht, unsere Form aufrechtzuerhalten. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, welche Ausmaße die Corona-Krise und die darauffolgende Ausgangsbeschränkung einnehmen würde. Wir waren noch guter Dinge, dass wir wie geplant, eventuell etwas später, unseren Saisonauftakt haben werden, aber dem war leider nicht so.

Ist in der Leichtathletik jetzt Training möglich?

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Stumböck: Ich befinde mich in der glücklichen Lage, dass ich auf dem Land wohne und sich mir vor der Haustüre sehr viele Trainingsmöglichkeiten bieten. Die Wurfgeräte habe ich mir noch vor der Ausgangsbeschränkung nach Hause geholt und werfe seither von unserem Hof oder der Straße aus aufs freie Feld. Ich kann somit alle meine Wurfdisziplinen abdecken: Kugel, Diskus, Hammer, Stein, Gewicht und Schleuderball. Ebenfalls das Athletiktraining kommt nicht zu kurz. Ich gehe viel joggen, mache ausgedehnte Sprung- und Sprintprogramme auf der Straße und gehe Radfahren, was ich sehr genieße, da das normalerweise zu diesem Saisonzeitpunkt nicht mit dem Training vereinbar wäre. Zusätzlich habe ich mir noch eine Hantelstange und Gewichte organisiert, um auch das Krafttraining nicht ganz zu vernachlässigen. Es ist zwar alles sehr improvisiert, erfüllt aber bis zu einem gewissen Grad seinen Zweck. Die Not macht erfinderisch, also verwende ich Getränkekisten als Stangenerhöhung, Biertische als Kniebeugenständer und ganz viele freie abgewandelte Variationen zu festen Trainingsmaschinen. Mein Training läuft daher bis auf ein paar Kleinigkeiten relativ normal, da ich die Möglichkeiten habe, die Trainingspläne, welche mein Trainer (Hans Zenzinger, Anm. d. Red.) für mich erstellt hat, fast vollständig ausführen zu können. Andere Sportler haben in diesem Punkt weniger Glück als ich, zum Beispiel meine Trainingspartnerin. Sie hat eben nicht diese Möglichkeiten und hängt daher im Vergleich in der Saisonvorbereitung über einen Monat zurück. Erst jetzt, wo wieder Sport an der freien Luft mit einer Kontaktperson erlaubt ist, können wir, natürlich mit genügend Abstand, zusammen trainieren.

Und wie hast Du dich fit gehalten, Sabrina?

Zeug: Für mich als Werferin ist das Training nur sehr eingeschränkt möglich. Ich halte mich mit Alternativtraining fit. Je nachdem, wie das Wetter war, hatte ich mir unterschiedliche Programme überlegt. Da es anfangs noch sehr kalt am Abend nach der Arbeit war, bin ich öfters in die Tiefgarage gegangen und habe Lauf- und Sprungprogramme absolviert. In der Wohnung habe ich dann Stabiprogramme und Beweglichkeitsübungen, leichte Kraftgymnastik und Dehnungsübungen gemacht. Am Wochenende war ich dann Laufen, Radfahren, Spazieren gehen oder bin auch mal kurz auf den Huberspitz gegangen. Es ist klar, Intensivtraining mit Technik sowie Krafttraining fehlen, es fühlt sich an wie ein Entzug.

Wie sehr fehlt Dir der Sport, Christina?

Stumböck: Der Sport an sich fehlt mir nicht, da ich weiter trainiere, aber was mir aktuell tatsächlich fehlt, ist vor allem mein Trainer, der mir Feedback geben kann. Das Training ist oft weniger effektiv als sonst, da das geschulte Auge eines Zweiten fehlt, um kleinere Fehler zu verbessern oder neue Techniken und Veränderungen auszuprobieren. Aktuell behelfe ich mir mit Videoaufnahmen, welche ich im Nachhinein selbst analysiere, um wenigstens ein bisschen Kontrolle über meine Technik zu haben.

Aber da seid Ihr ja jetzt schon wieder auf einem guten Weg und habt mehr Möglichkeiten.

Zeug: Ja, jetzt kann ich wieder etwas geregelter trainieren. Unser Trainer wird uns sicher wieder in die richtige Richtung steuern mit Trainingsplänen. Seit der neuen Regelung kann ich auch ein wenig werfen, da man sich im Freien mit einer Person treffen darf, um Sport zu machen. Da wir als Werfer sowieso immer Sicherheitsabstand einhalten müssen, können wir jetzt auch wieder zusammen trainieren. Wir haben eine Wiese und einen Asphalt, das reicht uns fürs Erste, um weiter an der Technik zu trainieren. Mit der Hantelstange können wir auch ein wenig Krafttraining machen. Nach dem Motto: Besser wie nix.

Was waren die Ziele für diese Saison und haben sie sich durch die Corona-Krise verändert?

Zeug: Meine Ziele waren die Verteidigung der bayerischen Meistertitel in der Halle Stein und Kugel, diese wurden erreicht. Eine neue Kugelbestleistung bei der süddeutschen Meisterschaft in Sindelfingen aufzustellen wurde mit 14,71 Metern ebenfalls erreicht. Ziele für die Freiluftsaison waren die Saisonhöhepunkte mit der bayerischen Meisterschaft in Schweinfurt. 15 Meter mit der Kugel, Diskus 50 Meter, Hammer 50 Meter und Speer vielleicht 45 Meter. Bei der deutschen Rasenkraftsportmeisterschaft im Nordschwarzwald wollte ich mich in allen Disziplinen verbessern, inklusive Verteidigung der Meistertitel. Die Verteidigung der deutschen Meistertitel des Turnerbundes im Steinstoßen und Schleuderball waren ebenso Ziele wie eine neue Punktebestleistung beim Oberlandler Werfer-Fünfkampf in Hausham. Aber jetzt sind alle Meisterschaften abgesagt oder verschoben. Wir wissen nicht, welche noch stattfinden werden. Momentan ist alles noch in der Schwebe.

Stumböck: Meine Ziele für dieses Jahr waren eigentlich ziemlich hoch gesteckt. Nach meiner Wettkampfpause vergangenes Jahr (Ausbildung, Anm. d. Red.) wollte ich besser zurückkehren, wofür ich auch sehr viel und hart trainiert habe diesen Winter. Mein Traumziel wären die deutschen U23-Meisterschaften in der Leichtathletik. Da ich der älteste Jahrgang dieser Altersklasse bin, ist es meine letzte Chance auf eine Teilnahme bei einer deutschen Leichtathletik-Meisterschaft, da die Qualifikationsweiten bei den Erwachsenen nur schwer zu erreichen sind. Dieses Jahr wäre eine Qualifikation sehr realistisch, daher hoffe ich doch sehr, dass einige Wettkämpfe stattfinden können, damit ich mir meinen Traum dann im Herbst doch noch erfüllen kann. Mein Hauptziel allerdings: Ein Podestplatz bei den bayerischen Meisterschaften der U23, aber auch der Erwachsenen. Und außerdem eine gute Platzierung bei den bayerischen sowie deutschen Rasenkraftsport-Meisterschaften und eine Teilnahme am Arge-Alp-Ländervergleichskampf.

Wann rechnet Ihr wieder mit Wettkämpfen?

Stumböck: Das ist aktuell sehr schwer zu sagen. Das einzige, was wir bereits wissen, ist, dass die bayerischen Meisterschaften auf September verschoben wurden. Alles, was davor passiert, steht noch ziemlich in den Sternen. Ich glaube und hoffe allerdings, dass Ende Juni, Anfang Juli kleine Wettkämpfe unter Auflagen stattfinden. Besonders im Bereich Wurf lassen sich die Abstandsregelungen ja sehr gut einhalten, da die Athleten von Haus aus schon einen ziemlich großen Sicherheitsabstand einhalten müssen. Ebenfalls sind die Teilnehmerzahlen bei normalen, kleineren Wettkämpfen auch sehr überschaubar, sodass diese meiner Meinung nach schon durchführbar wären.

Wo liegen die Schwierigkeiten, dann wieder an die Leistungsgrenze zu kommen?

Stumböck: Die Schwierigkeit für mich wird sein, meine aktuell doch recht gute Form bis September aufrecht zu erhalten. Ebenfalls wird es schwierig, sich für die Meisterschaften, falls sie stattfinden, zu qualifizieren, wenn ich nur wenige Wettkämpfe vorher bestreiten kann.

Zeug: Ohne Meisterschaftstermine sind Leistungssaisonhöhepunkte nur oberflächlich planbar. Unsere Höhepunkte werden wahrscheinlich erst im September sein. Ich glaube in vier Wochen kann man vielleicht mehr planen.

Interview: Fridolin Thanner

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