„toxischer Cocktail“ und „eine Spirale von Versagen“

Unabhängige Experten fällen drastisches Corona-Urteil: Pandemie „hätte verhindert werden können“

Es sind deutliche Worte, die sich durch einen Corona-Expertenbericht ziehen. „Die Situation, in der wir uns heute befinden, hätte verhindert werden können.“

Genf - Weltweit gibt es mehr als 150 Millionen Corona-Fälle. Seit Ausbruch der Pandemie forderte Covid-19 mehr als 3,3 Millionen Tote, mehr als ein Drittel davon kommt laut Johns-Hopkins-Universität aus den USA (ca. 580.000), Brasilien (425.000) und Indien (255.000). Sars-Cov-2 hat die Welt auch nach mehr als einem Jahr nach dem ersten Fall fest im Griff. Politiker:innen wie Bundeskanzlerin Angela Merkel sprechen von der schwierigsten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg.

Corona: „Die Situation, in der wir uns heute befinden, hätte verhindert werden können“

Nach Ansicht unabhängiger Experten hätte die weltweite Verbreitung allerdings vermieden werden können. Dafür aber hätten die Warnsignale sofort beachtet, die WHO früher Alarm schlagen und die einzelnen Länder konsequenter reagieren müssen, heißt es in einem am Mittwoch in Genf vorgelegten Bericht eines internationalen Expertengremiums.

„Die Situation, in der wir uns heute befinden, hätte verhindert werden können“, konstatierten die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingesetzten Experten. Ein „toxischer Cocktail“ aus Zaudern, fehlender Vorbereitung sowie schlechter Reaktion auf die Krise sei für das dramatische Ausmaß verantwortlich, erklärte die Ko-Präsidentin des Gremiums, Ellen Johnson Sirleaf. Nur so habe sich die jetzige „katastrophale humanitäre Krise“ entwickeln können, die von den Experten als „Tschernobyl des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet wird.

Corona: Experten fällen hartes Urteil - „toxischer Cocktail“ und „eine Spirale von Versagen, Lücken und Verzögerungen“

Die Experten nehmen allerdings nicht nur die WHO, sondern auch einzelne Regierungen in die Pflicht. Staatliche Institutionen hätten vielerorts „versagt in der Aufgabe, Menschen zu schützen“, heißt es in dem Bericht. „Schlechte strategische Entscheidungen, fehlender Wille zur Bekämpfung von Ungleichheiten und ein unkoordiniertes System schufen einen toxischen Cocktail, der es der Pandemie erlaubte, sich in eine katastrophale humanitäre Krise zu entwickeln“, erklärte die ehemalige liberianische Präsidentin Sirleaf, die gemeinsam mit der früheren neuseeländischen Premierministerin Helen Clark das Gremium leitet. „Es gab eine Spirale von Versagen, Lücken und Verzögerungen bei der Vorbereitung und der Reaktion.“

Das Gremium aus 13 Experten war nach Kritik an der WHO von dieser ins Leben gerufen worden. Es untersuchte acht Monate lang die Ausbreitung des Coronavirus* und die von der WHO und den einzelnen Staaten ergriffenen Maßnahmen. Die WHO war oft kritisiert worden, vor allem zu Beginn zu langsam reagiert zu haben. Auch die Experten kamen nun zu dem Schluss, dass die WHO den weltweiten Gesundheitsnotstand früher als am 30. Januar 2020 hätte ausrufen müssen.

  • 31. Dezember 2019: Die WHO wird von China über die Häufung von Pneumonien (Lungenerkrankungen) informiert.
  • 30. Januar 2020: Die WHO erklärt das neuartige Coronavirus zu einer „gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite“ (entspricht der höchstmöglichen Alarmstufe und verpflichtet Länder, Vorkehrungen zu treffen).
  • 11. März 2020: Die WHO spricht offiziell von einer Pandemie, statt einer Epidemie.

Corona: Einstufung zur Pandemie zu spät? Deutschland reagiert Mitte März mit strengen Maßnahmen

Allerdings betonte die Ko-Vorsitzende Clark, dass dies wahrscheinlich nicht viel geändert hätte. Ohnehin hätten viele Länder erst reagiert, nachdem die WHO im März 2020 die Epidemie zur weltweiten Pandemie erklärt habe. Das hat nach den WHO-Gesundheitsvorschriften anders als die Erklärung der „Notlage“ zwar eigentlich keine Konsequenzen. Im Rückblick war das aber erst der psychologisch notwendige Schub, um Regierungen richtig in Alarmbereitschaft zu versetzen. 

Das lässt sich etwa auch auf Deutschland übertragen. Im Januar und Februar stufte das Robert Koch-Institut* die Bedrohung für die Bevölkerung als „sehr gering“ (9. Januar) „gering“ (28. Januar, nach dem ersten Fall in Deutschland) beziehungsweise „gering bis mäßig“ (27. Februar) ein.

Die Maßnahmen der Bundesregierung* traten nahezu zeitgleich mit der Einstufung zur Pandemie ein. Am 10. März empfahl der Krisenstab von Gesundheits- und Innenministerium die Absage von Veranstaltungen von mehr als 1000 Teilnehmern und riet von Reisen nach Italien ab. In den folgenden Tagen ging es Schlag auf Schlag. Strenge Kontaktbeschränkungen wurden erlassen, Schulen und Kitas geschlossen. Zu dieser Zeit änderte auch das RKI seine Tonalität und bezifferte das Risiko als „hoch“ sowie für Risikogruppen als „sehr hoch“.

Corona: Expertenteam sieht „ganz klar Verzögerungen in China“ - und gibt Rat für die Zukunft

Da sich die Länder in ihren Gesundheitseinschätzungen an der WHO orientieren, hätten viele den Februar 2020 vertrödelt, statt Vorkehrungen gegen die Ausbreitung von Covid-19 zu treffen. Dass die WHO vergleichsweise spät reagiert habe, liegt dem Bericht nach auch an Verfehlungen Chinas, wo die Gefahr des Virus Kritikern zufolge heruntergespielt wurde. Es habe unmittelbar nach dem erstmaligen Auftreten des neuartigen Coronavirus* Ende 2019 in Wuhan „ganz klar Verzögerungen in China“ gegeben, konstatiert Clark. „Aber letztlich gab es überall Verzögerungen.“ Ohne all diese Verzögerungen „würden wir jetzt nicht diese Ausmaße haben“.

Das Expertengremium zog allerdings nicht nur Bilanz, sondern richtete das Augenmerk auch in die Zukunft: Um das Virus weltweit einzudämmen, müssten die reichen Länder, in denen die Impfkampagne schon weit fortgeschritten sei, bis zum 1. September mindestens eine Milliarde Impfdosen an die ärmsten Staaten der Welt spenden. Mehr als zwei Milliarden weitere Dosen sollten bis Mitte 2022 zur Verfügung gestellt werden, forderten sie. In Teilen Asiens und insbesondere Afrikas laufen die Impfungen* sehr schleppend voran. (as/afp) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Hans Lucas/imago-images

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