„Beim Allvater Fußball ...“

EM-Finale nahezu ausverkauft, Olympia leer: Deutscher Speerwerfer sagt über den Fußball das, was viele denken

EM-Finale gut besucht, Olympia in Tokio als Geisterspiele - das versteht wer will. Speerwerfer Johannes Vetter findet ehrliche Worte zu diesem Skandal.

London - Szenen, die unwirklich wirken. Im Vordergrund interviewen sich Protagonisten mit 15 Metern Abstand und verlängertem Mikrofon während im Hintergrund die Zuschauer ineinander liegen und jubeln. Oben ohne, sternhagelvoll, freudestrunken - eine bessere Einladung für Delta-Variante gab es noch nie. Der EM 2021 sei Dank.

Während sich die meisten Menschen zurückhalten, zeigt die EM einmal mehr, dass Geld über Gesundheit geht. UEFA-Präsident Aleksandar Ceferin verteidigt vehement, dass die Zuschauer sich mit Corona infizieren: „Die Teams verhalten sich hochprofessionell. Auch in den Stadien sind wir sehr strikt, und wenn ich höre, dass Politiker sagen, Menschen hätten sich bei den Spielen infiziert, ohne jeden Beweis, dann enttäuscht mich das ein bisschen.“ Fragwürdige Aussagen von Verbandsoffiziellen sind dieser Tage keine Seltenheit. Die Infizierten in Schottland oder Finnland, die es höchstwahrscheinlich aus dem Stadion haben, werden unter den Teppich gekehrt.

EM 2021, Olympia 2021: Zuschauer, keine Zuschauer - ja, was eigentlich?

Die Absurditäten gipfeln darin, dass die Olympischen Spiele ohne Zuschauer stattfinden. Während sich im fast vollen Wembley-Stadion beim EM-Finale die Delta-Variante die Hand gibt, sind in Japan die Zuschauer verboten. "Es ähnelt einem Konzert ohne Gäste, das nur online übertragen wird", sagte Dagmar Freitag im Interview mit unserem Verlag, Münchner Merkur/tz (hier zum Nachlesen): "Dass damit die besondere Atmosphäre und der ursprüngliche Geist Olympischer und Paralympischer Spiele völlig ad absurdum geführt wird, dürfte jedem klar sein."

Die Vorsitzende im Sportausschuss des Bundestages hätte sich gewünscht, dass die Spiele in Tokio (23. Juli bis 8. August) wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. "Die aktuellen Bestimmungen, gänzlich auf Zuschauer zu verzichten, sind unter Pandemie-Gesichtspunkten wenigstens ein vernünftiger Ansatz", sagte Freitag.

Während das deutsche Olympia-Team viel Verständnis äußerte, vergeht anderen Sportlern die Lust auf die Spiele. So sagte der Australier Nick Kyrgios als nächster Tennisstar ab. "Der Gedanke, vor leeren Stadien zu spielen, passt einfach nicht zu mir. Das hat er nie", schrieb er in den Sozialen Medien. In Tokio werden auch die Tennis-Superstars Rafael Nadal (Spanien) und Serena Williams (USA) fehlen.

Olympia-Favorit Johannes Vetter findet deutliche Worte gegen die EM 2021

Speerwurf-Ass Johannes Vetter konnte sich zumindest einen Seitenhieb nicht verkneifen. Eine Aussage, die die Verhältnismäßigkeit deutlich macht. "Olympia ohne wenigstens ein paar Zuschauer ist verdammt schade. Beim Allvater Fußball zeigt sich wieder, dass andere Gesetze gelten", sagte der Goldfavorit bei Sport1. Man stelle sich nur vor, Vetter ballert den Speer raus, weitester Wurf, Goldmedaille. Ein Ziel, auf das er fünf Jahre mittlerweile hinarbeitet - und man hört lediglich ein Klatschen von den Verantwortlichen. Ein trauriges Szenario.

Am Samstag teilte er sogar noch einen Beitrag auf Instagram - von der Satire-Seite Wumms.

Johannes Vetter sagt seine Meinung.


Inwieweit das angesichts noch nicht vollständig geklärter Hygienemaßnahmen vor Ort möglich sein wird, steht noch in den Sternen. SPD-Politikerin Freitag hält ein wirklich sicheres Konzept für Tausende Athletinnen und Athleten aus allen Regionen der Welt jedenfalls für "kaum realisierbar". Bob Hanning, Vizepräsident bei den Handballern, versicherte trotz aller Unwägbarkeiten: "Unser Team wird sein Bestes geben, den Menschen vor den Fernsehern Freude zu bereiten."

Mit der Aussicht bevorstehender Fernsehspiele herrschte bei der Fackelankunft am Freitag in Tokio gedämpfte Stimmung. Spätestens jetzt dürfte auch dem letzten Optimisten klar sein: Die riesige Olympia-Party, wie ursprünglich von den Japanern geplant, fällt aus. (ank mit SID) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Im Rahmen Olympischen Spiele stellen wir bei tz.de die deutschen Teilnehmer vor. Wie beispielsweise Gregor Traber, Lisa Ryzih oder ein Traumpaar.

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